"Wie eine Ehe zu viert"

09.02.2016-07:04

 

Wie eine Ehe zu viert - Streichquartettfest in Heidelberg eröffnet

"Erste Versuche, letzte Werke" - Viel Gesprächsstoff für die Teilnehmer

Von Matthias Roth

Aus "Schweden, Finnland, Belgien, Italien, der Schweiz und den Niederlanden" kommen die Gäste, und "Frühlings"-Intendant Thorsten Schmidt meinte damit bei seiner Begrüßung nicht die fünf Ensembles, die sowieso internationale Hintergründe haben, sondern jene Besucher, die von außerhalb Deutschlands nach Heidelberg kommen, um hier das Streichquartettfest zu erleben. Und der Andrang ist enorm, nicht nur bei den Abendkonzerten.

Vier Tage lang (bis Sonntag) drängeln sich die Freunde des Quartettspiels in der Alten Pädagogischen Hochschule, und das nicht nur um Musik zu hören, sondern um auch darüber zu diskutieren und sich auszutauschen: Der Besucher mit dem Musiker, der Musiker mit dem Lehrer, der Lehrer mit dem Besucher. Es geht reihum und querfeldein. Die Organisatorin Irene Schwalm, ehemalige "Minguet"-Bratscherin und heute eine der führenden Expertinnen in Quartettfragen, brachte es beim SWR-Live-Cluster auf den Punkt: Ein solches Ensemble sei "wie eine Ehe zu viert, nur dass man sich nicht liebt!"

Vier von fünf Ensembles, die hier spielen und die alle erst nach 2000 gegründet wurden, zeigten am Eröffnungsabend, was dieses Wochenende noch alles bringen wird, das unter dem Thema "Erste Versuche, letzte Werke" steht: Das Escher Quartett aus New York kredenzte einen stilechten, aber auch etwas akademisch aufgefassten Haydn und trug das f-Moll-Werk aus op. 20 deutlich artikuliert und dynamisch differenziert vor. Leidenschaftlich ging das Minetti Quartett mit Alban Bergs op. 3 um, nahm durch kraftvollen Zugriff gefangen und ließ sich vor allem vom Cellisten Leonhard Roczek mitreißen, von dem zahlreiche Impulse ausgingen. Die Preisträger des Rimbotti Wettbewerbs in Florenz spielten mit Risiko und Feuer, was gut beim Publikum ankam.

Äußerst delikat und reich an Farben brachte das französische Quatuor Hermès die Sekundenekstasen in Anton Weberns op. 5 zu Ausdruck: Diese oft als sperrig empfundene Musik aus dem Jahre 1909 zeigte sich hier klangsinnlich und betont emotional.

Das Schumann Quartett, in dem drei Brüder mit einer Bratscherin zusammenspielen, zeigte schließlich mit Verdis Gattungsbeitrag in e-Moll, wie süffig und musikantisch auch das gelegentlich als eher kopflastig beschriebene Streichquartett-Ensemble klingen kann.

Für Diskussionstoff war also von Anfang an gesorgt bei diesem Festival, das als Kind des Heidelberger Frühlings in den Januar vorgelagert wurde. Und dieser wird bis zum Abschlusskonzert am Sonntagmorgen, 11 Uhr, auch nicht ausgehen.

Rhein-Neckar-Zeitung

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