"Spukhaft im Mendelssohn-Scherzo" - Kritik vom Konzert in Balingen (09.10.2015)

14.10.2015-07:08

 

Schwarzwälder Bote

 

 Spukhaft im Mendelssohn-Scherzo

Schwarzwälder-Bote, 13.10.2015 08:47 Uhr

Balingen. Schon zum zweiten Mal lockte das österreichische Minetti-Quartett erstaunlich viele Zuhörer in die Stadthalle. Es sorgte mit Werken von Beethoven, Janacek und Mendelssohn für einen packenden Konzertabend.

Zwölf Jahre spielen sie nun zusammen, wirken aber nach wie vor frisch und jugendlich, die beiden Geigerinnen Maria Ehmer und Anna Knopp, Milan Milojicic an der Bratsche und Leonhard Roczek am Cello. Ihrem Spiel merkt man an: Sie haben nicht nur einen Fuß in der Tür zur Weltklasse – sie sind drin. Ihr hohes technisches Niveau haben sie gefestigt und nutzen es für Interpretationen voller Intensität und Spannung.

Dabei legen sie nicht einfach los – das war schon Beethovens "B-Dur-Quartett opus 18/6" anzumerken. Überlegt, zielgerichtet und doch leichtfüßig schwebend war ihr Gang im Kopfsatz und im feingliedrigen, liedhaften Adagio. Dabei gab es atemberaubende Unisono-Partien in verhauchendem Pianissimo. Eigenwillige Akzente und Synkopen prägten das Scherzo.

Ungewöhnlich war dann das Finale: Beethoven hat ihm die Überschrift "Malinconia" (Melancholie) gegeben; und die prägte bei den Minettis nicht nur den Anfangsteil, sondern trübte auch immer wieder den folgenden Kehraus ein.

Neue Impulse formaler und emotionaler Art für eine scheinbar ausgereifte Gattung – diese Devise bestimmte nicht nur Beethovens Quartettschaffen, sondern noch viel mehr die beiden Quartette, die der fast 70-jährige Leos Janacek schrieb. Sie sind Programmmusik, Drama und handeln von existenziellen Themen: Sehnsucht, Eifersucht, Leidenschaft. Für das erste Quartett stand Tolstois "Kreutzersonate" Pate. Aber Janacek predigt nicht Moral, sondern führt ein leidenschaftliches Plädoyer für eine verzweifelte Frau, für die Rechte der Frau überhaupt.

Die Sonatenform ist im ersten Satz allenfalls zu erahnen. Meist erlebt der Hörer eine Gegenüberstellung expressiv aufgeladener Motive und ungewohnter Klangeffekte. Man kann hier des Guten leicht zu viel tun. Zu formlos, zu schroff und grell muss diese Musik dem Hörer nicht um die Ohren fliegen. Aber sie muss ihn packen, ihn überzeugen – und genau das tat die sorgsame Interpretation des Minetti-Quartetts.

Mendelssohns Bartholdys Es-Dur-Quartett opus 44/3 ist nicht so eintönig und konventionell, wie es oft gescholten wurde. Es kann rastlos wirken, aber Drive ist nicht alles: Die Minettis fanden Frische und Abwechslung im Kopfsatz, kontrapunktische Finessen, aber auch Spukhaftes im Scherzo, betörenden Gesang im Adagio und virtuose Rasanz im Finale. Alles haben, alles geben sie – aber nie in Überdosis. Die Zuhörer waren während des Spiels mucksmäuschenstill wie selten und umso freigebiger dann mit Applaus. Einen Satz aus Debussys "Streichquartett" bekamen sie geschenkt.

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