Kritik vom Konzert in Singen (23.11.2012)

23.01.2013-12:44

Südkurier: Spielkunst und Klangfeinheit (28.11.2012)

Spielkunst und Klangfeinheit

Das charaktervolle Minetti-Quartett erntet in der Singener Stadthalle Starkapplaus

Die Primaria Maria Ehmer spielt hohe Töne bei Mozartschen Adagio-Koloraturen, als sei der Saitenstahl mit Seide umsponnen. Anna Knopp weiß die zweite Violine im Dvorak-Vivace so zu intonieren, als solle eine böhmische Tanzgeige mit aktivierenden Akzenten imitiert werden. Der Bratschist Milan Milojicic profiliert sich bei Debussy wie verlangt „sehr flink und höchst rhythmisch“ mit einem Charakterton, der zu den Zupfharmonien ein Staccato mit dem Reiz des Grotesken streicht. Der Cellist Leonhard Roczek kann die Dvorak-Tanzmelodie von Dur in Moll zu zartem, keineswegs verzärtelndem „espressivo“ verwandeln, dass man darüber die weitertanzenden Oberstimmen vergisst: Böhmisches Gefühls-Legato unter amerikanischem Rhythmen-„drive“.

Das war zu erleben im packenden Quartett-Programm: Jede, jeder spielte mit Charakter, bewies in den thematisch bedeutsamen Momente Ausdruck, dazu stilistische wie technische Vorzüglichkeit. Man hörte Mozarts „Jagdquartett“ von 1784 und die beiden 1893 entstandene Quartette von Debussy und „Dvorak („Amerikanisches“). Jedes Werk erhielt Profil, Unverwechselbarkeit. Die Musiker fanden zu festen Klängen, farbsatten Akkorden.

Emotionshöhepunkt wurde die mit Seelen- und Sohlenapplaus erklatschten Zugabe: Beethovens „Cavatina“ aus Opus 130, ein leisester Gesang gegen alle Ängste, ein stiller Trost, so innig musiziert, dass man Beethovens Bekenntnis verstehen konnte: „Selbst das Zurückempfinden dieses Stückes kostet mich immer eine Träne“. Eine des Glücks, nicht der flüchtigen Rührseligkeit.

Jedes Werk besaß seine interpretatorische Zeichnung, aber alle gehörten zu dem von Haydn gestifteten Formtypus: Feste, erinnerbare, mit sicheren Konturen vorgestellte Gedanken und deren satzübergreifende Verarbeitung. Mozart hielt sich daran, hat auch Haydn sein „Jagdquartett“ gewidmet. Das klang keineswegs nach feudaler Parforce, sondern spielt mit nobeln Rokoko-Empfindung. Thema I hatte eher Oboen- als Hörnerklang, Thema II mit seinen Wechselnoten wirkte, als sollten Klangfarben schon Debussy weissagen. Das Menuett tanzte heiter-melancholisch. Im Adagio schienen Primgeige und Cello über dieses Lustig-Traurigsein einen lyrischen Dialog anzustimmen. Im Staccato-Finale wurde mit Trillern und Triolen eine zauberhafte Serenade inszeniert.

Eher impressionistische Ölfarben als Rokokopastell wurden in Debussys Opus aufgetragen. Markant erschien der Hauptgedanke, der alle Sätze in phantastische Verwandlungen, Umfärbungen, Dynamisierungen beherrschte. Orchestral tönten die Doppelgriff-Takte, gespenstisch wirkten die Sextolen im zweiten Satz, entrückt das Melos consordini im dritten, turbulent im vierten Satz die Beschleunigung und „mit Leidenschaft“. Die agierte auch nach Dvorak-Noten: Ein amerikanisch-böhmisches Fest. Unter tremolierendem Dur stieg da die synkopische Melodie auf. Da hörte man die „Neue Welt“. Ließ die Violine dann geschmeidige Doppelgriffe erklingen, dann war man eher an der Moldau als in Spillville (im mittleren Westen, wo das Werk in vier Tagen entstand). In pointierten Klein-Fugatos wurde Europa-Musik beschworen: Neue und Alte Welt fanden sich ohne Global-Mischung, Spiritual und Choral (pp im Finale) trafen sich, wahrten ihren eigenen „soun d“.

Musik erfüllte den gut, wenn auch nicht voll gefüllten Saal mit Spielkunst, Klangfeinheit und lebendigen Botschaften für Kopf und Gemüt.

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