Kritik vom Konzert in Sigmaringen (14.06.2015)

29.06.2015-14:13

schwaebische.de

Das Minetti-Quartett wandelt den Schmerz in Klang um

Bei der Sparkassen-Soirée im Hofgarten der Gesellschaft für Kunst und Kultur besticht ein Weltklasse-Quartett

Das Minetti Quartett beschenkt das Publikum mit großartiger Musik. Die Virtuosität und Sensibilität der Musiker macht das Hören

Das Minetti Quartett beschenkt das Publikum mit großartiger Musik. Die Virtuosität und Sensibilität der Musiker macht das Hören zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Vera Romeu

Sigmaringen sz Die neue Konzertreihe „Sparkassen-Soirée im Hofgarten“ hat mit dem Wiener Minetti-Quartett einen fulminanten Auftakt geboten. Sie macht aus der ehemaligen Residenzstadt wieder eine kleine Metropole, denn was im Leopoldsaal den Konzertbesuchern geboten wurde, gehört zum Besten, was derzeit auch in Städten wie London, Brüssel, Barcelona oder Salzburg stattfindet.

Die Landesbank-Kreissparkasse und die Gesellschaft für Kunst und Kultur haben gemeinsam dieses neue Konzertformat ins Leben gerufen. Vorstandsvorsitzender Michael Hahn grüßte als Hausherr die Gäste und kündigte an, die Reihe werde Musik auf höchstem Niveau bieten. Der musikalische Leiter Fritz Kovacic betonte, die Sparkassen-Soirées würden zum festen Bestandteil des Sigmaringer Kulturlebens.

Virtuose Transparenz

Die Geigerinnen Maria Ehmer und Anna Knopp, der Bratschist Milan Milojicic und der Cellist Leonard Roczek bilden einen einzigartigen Klangkörper. Sie musizieren mit großer Geschlossenheit und virtuoser Transparenz, eng durch Blickkontakt und gemeinsames Gefühl verbunden. Das Quartett hat ein wunderbares Konzert gespielt, in dem die dramatische Vorahnung, die existenzielle Bedrohung und der Tod im Mittelpunkt standen.

Die Programmdramaturgie war äußerst gekonnt gesetzt: Im „Streichquartett Nr. 6, Op. 18“ hat Ludwig van Beethoven die ersten Anzeichen seiner beginnenden Taubheit verarbeitet, Wolfgang Rihms „Grave – in memoriam Thomas Kakuska“ ist ein Requiem für den verstorbenen Bratschisten des Alban-Berg-Quartetts, im „Streichquartett Nr. 1, e-moll“ deutet Bedrich Smetana schon den Tinnitus an, der ihn zur Taubheit führen wird. Tiefe Emotionen erklangen in großer Intensität und atemberaubender Perfektion.

Rihms „Grave“, das zutiefst beeindruckte und betroffen machte, war sicher das Herzstück des Konzerts,. Die Bratsche steht in diesem Werk in einem außergewöhnlichen Verhältnis zu den anderen Instrumenten. Mal verstummt sie komplett, mal geht sie in Dialog mit den anderen Instrumenten, entrückt bis zur Klanglosigkeit, melancholisch und einsam. Gewaltsam brechen laute Akkorde ein. Das Streichen wird zum Hauchen, fahl bis zur Unhörbarkeit. Der Schmerz hält das Quartett zusammen, die Intensität der Musik ist ergreifend. Höchst souverän und einfühlsam gestalteten die Musiker dieses außerordentliche Werk. Das Publikum konnte sich nur noch verneigen.

Im Streichquartett Nr. 6 hat Beethoven Autobiografisches eingeschrieben: Er wusste beim Komponieren, dass die Taubheit ihn bedrohte. In jedem Satz ist eine düstere Färbung eingeschrieben. Zwei Adagios prägen die schwermütige Musik. Erschreckende und erschrockene Einwürfe besetzen die Musik mit einer Angst, die sich auf die Seele des Zuhörers legt. Auch das explizit autobiografische Werk von Smetana ist von Energie und Festlichkeit durchdrungen, bis der Bruch mitten hinein fährt und der hohe Ton eines Tinnitus den Raum besetzt. Vibrierende Klänge schweben wie Angst und Verzweiflung im Raum, die Wüste der Stille kündigt sich an. Mit drei leisen, pathetischen Pizzicato-Klängen erstirbt die Musik. Und in den Herzen der Zuhörer klopft es laut. Mit jubelndem Applaus feierte das Sigmaringer Publikum die Musiker

Die nächste Sparkassen-Soirée findet am kommenden Sonntag, 21. Juni, um 19 Uhr, im Hofgarten statt. Das Mandelring-Quartett spielt Werke von Joseph Haydn, Claude Debussy und Felix Mendelsohn Bartholdy.

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