Kritik vom Konzert in Schwäbisch Hall (09.02.2012)

18.02.2012-21:08

Südwest Presse

 

Sogar die Pause hat Charakter

Schwäbisch Hall.  Ein anspruchsvolles Programm mit Werken von Beethoven, Ligeti und Mendelssohn hat das Minetti-Quartett im Haller Neubau-Saal geboten. Die jungen Künstler begeisterten mit vielseitiger, feiner Gestaltung.

Das Programm begann gleich mit einem komplexen Werk, einem der späteren Streichquartette von Ludwig van Beethoven (op. 95 in f-Moll). Schon die Pause im Anfangsthema hatte Charakter. Die Vielfalt von Form und Klang der Komposition übertrafen die Künstler des Minette-Quartetts im Haller Neubau-Saal noch durch die Vielseitigkeit, mit der sie spielten.

Oft nahmen sie - das fiel bei der ersten Violine am meisten auf - die Lautstärke bis an die Grenze des Hörbaren zurück und schafften dadurch Platz, um starke Konturen energisch und mit klarem Ton hervorzuheben. Der kurze erste Satz wirkte undramatisch, der zweite melodiös, der dritte rhythmisch und flott. Der vierte Satz schien am Anfang dunkel, dann im schnellen Teil sehr leicht.

Maria Ehmer und Anna Knopp (Violinen), Milan Milojicic (Viola) und Leonhard Roczek (Violoncello) spielten dieses als düster-dramatisch geltende Werk gerade nicht mit dramatischem Gehabe, sondern ließen die Musik, deutlich gestaltet und in meisterhaftem Zusammenspiel, für sich sprechen. Gerade dadurch gewann die Aufführung eine unmittelbare Lebendigkeit und Nähe zum Zuhörer.

Das Streichquartett Nr.1 "Métamorphoses Nocturnes" von György Ligeti begann geheimnisvoll mit ganz leisen chromatischen Figürchen und entwickelte sich in einem einzigen, langen Satz zu den unterschiedlichsten Gestalten. Da wechselte heftiges Marcato zwischen den hohen und tiefen Stimmen wie Streitgekreisch, und ein paar Takte später spielten alle ganz einträchtig einen gemeinsamen komplizierten Rhythmus mit ganz verschiedenen entfernt zueinander passenden Harmonien, und das Cello warf winzigleise hohe Tönchen ein. Da hielt die Bratsche zwei Töne ewig lang aus, während die zweite Geige ihre Melodie spielte. Da formierten sich die vier Stimmen zu verschiedenen Paaren und spielten ganz eng verflochten umeinander herum.

Da erklang mittendrin ein etwas schräger Walzer und kurz darauf ein Glissando, als ginge einem Grammophon die Luft aus. Da zupfte der Cellist so, dass die Saiten im Fünfertakt auf das Griffbrett schlugen. Da fuhren die Spieler mit den Fingern in hohen Lagen auf den Saiten herum und brachten flimmernd-schwebende Flageolett-Klänge heraus.

Trotz der sehr wechselhaften, teilweise verwirrenden Komposition wirkte das Werk zusammenhängend, bis hin zu dem über vier Oktaven und einen Halbton gespreizten, lang und zart ausklingenden Schlussakkord.

Dieses für jede Stimme stellenweise akrobatische, vor allem aber fürs Zusammenspiel ungeheuer schwierige Werk meisterten die vier jungen Künstler mit völlig sicherer Genauigkeit. Dabei wirkte es nie wie gewollte Virtuosität, sondern wie staunendes Spiel. Nach der nicht gerade eingängigen Komposition von Ligeti wirkte das Quartett Nr. 6 op.80 von Felix Mendelssohn-Bartholdy, wieder ein Spätwerk und wieder in f-Moll, wie eine Rückkehr in vertraute Welten. Mit schönen Linien spielten die Künstler, lange Steigerungen und Abstiege trugen zum Ausdruck bei.

Schwebend und vorandrängend wirkte das schnelle synkopische und punktierte Sechsachtelmotiv im zweiten Satz, dunkel und doch klar der mit sehr dichtem Ton gespielte ruhigere Teil. Dem dritten Satz war eine klagende Stimmung anzuhören, und der letzte Satz geriet dann wieder schwungvoll und leicht.

Das Publikum war tief beeindruckt und applaudierte lebhaft. Zum Ausklang spielte das Minetti-Quartett einen Satz aus dem Quartett in G-Dur, das Mozart noch im Kindesalter schrieb.

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