Kritik vom Konzert in Erbach (11.12.2011)

17.12.2011-14:30

echo online

 

Bedeutende Klassik frisch interpretiert

Konzert im Elfenbeinmuseum – Das junge „Minetti Quartett“ lässt mit Haydn, Beethoven und Schubert aufhorchen

Das „Minetti Quartett“ sei eine „musikalische Sensation aus Österreich“, war im Vorfeld des dritten Saisonkonzertes zu hören. Dass die vier Streicher Presse und Publikum gleichermaßen begeistern, belegen ihr Tourenprogramm sowie erste Preise in europäischen Wettbewerben. Viel Vorschusslorbeer also für ein Ensemble der Kammermusik, das sich der frischen Interpretation bedeutender Klassik verschrieben hat.
Die beiden Violinistinnen Maria Ehmer und Anna Knopp sowie Bratschist Milan Milojicic und Leonhard Roczek am Cello beginnen mit dem Streichquartett Opus 50 vom Altmeister Joseph Haydn. Galant kommt es daher, die Geigen bleiben säuselnd zunächst dünn, doch Bratschist Milojicic verleiht mit leidenschaftlichem Bogenstrich Tiefe.
Erst seit Anfang des Jahres gehört er zum Quartett, korrespondiert harmonisch zum erdtönenden Cello. Dunkel unterzupft Leonhard Roczek die empfindsam flatternden Geigen, gleichsam nachhorchend fällt die Bratsche ein. Im zweiten Satz gewinnen die Geigen an Substanz, man hat sich warm gespielt. Diesem Satz mit traumflirrendem Rauschen der Violinen verdankt das Paradebeispiel der Kammermusik seinen Titel –„Der Traum“.
Das beschwingte Menuett wird routiniert gespielt – indes vielleicht zu sehr auf die leichte Schulter genommen? Stimmen aus dem Publikum hingegen loben die Dynamik. Schnelle, kurze Bogenstriche des Vivace, umsummt vom Cello, lassen das graziöse Stück ausklingen.
Es folgt ein Streichquartett mit der Dramatik Beethovens. 23 Jahre nach der wohlgeformten Komposition Haydns hat der Komponist mit seiner Leidenschaft neue Maßstäbe in der Kammermusik gesetzt. Bereits das „Allegro con brio“ des Opus 95 tut befeuernde Wirkung, ist von großer Dichte. Mal flüsternd, mal zupackend entwickelt sich Spannung. Bratschist Milan Milojicic ist in seinem Element, koloriert die Unergründlichkeit expressiv.
Dem abrupten Schluss des ersten Satzes, wobei die Fiedelbögen nachzitternd in der Luft stehen, folgt das weich anklingende Allegretto. Der Cellist kontrastiert unergründlich dunkel. Leise, fast verlöschend gehen die Geigen ins fulminante Allegro über. Liebkosend zeichnen sie ihre Spur, ohne den aufwühlenden Schlussakkord aufhalten zu können. Schnelles Fiedeln wie Himmelsflug setzt der Komposition ein ausdrucksstarkes, melancholisches Ende.
Eine Konzertpause kommt nach dem emotional komplexen Hörerlebnis zupass. Man flaniert durchs Haus und schöpft Atem für den romantischsten der drei Komponisten. Mit Franz Schuberts Streichquartett Opus 29 „Rosamunde“, 1824, also 14 Jahre nach Beethovens Quartett entstanden, belegen die Streicher auf dem Podium Bestform. Lichte Seelenbilder und düstere Schattenmalerei ergeben ein emotional mitreißendes Gewebe. Bogenstriche wie Wellenlauf im ersten Satz, ein empfindsames Andante, Variationen um das Liedthema von Schuberts „Rosamunde“, finden im Allegro zu luftwirbelnden Schleifen zusammen. Leichte Liedhaftigkeit wird von Tragik unterlaufen, bevor schwebend die Töne verklingen.
Es gab anerkennenden Applaus. Die Zugabe des Konzerts absolviert das „Minetti Quartett“ mit einem schnellen Ritt über die Saiten. Rasant erklingt das Finale aus Josef Haydns Streichquartett Opus 56, bevor sich Künstler und Publikum auf den Weg in den Abend machen.

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