Kritik vom Konzert in der Kartause Ittingen (30.10.2011)

01.11.2011-12:39

St. Galler Tagblatt

 

Eine veritable Sensation

WARTH. Die neunte Auflage der Ittinger Sonntagskonzerte ist gestern fulminant gestartet: Das junge österreichische Minetti Quartett bewies, dass höchste Streichquartettkunst spannende Zukunft hat.

MARTIN PREISSER

Die Ittinger Sonntagskonzerte, quasi herbstlich-winterlicher Gegenpol zu den Ittinger Pfingstkonzerten, bieten immer wieder spannende Gelegenheiten, Nachwuchsmusiker und -ensembles auf höchstem internationalem Niveau zu entdecken. Gestern ging mit dem jungen österreichischen Minetti Quartett eine solche Matinee über die Bühne, an der kaum ein Zuhörer der fast ausverkauften Remise nicht verzaubert davon gewesen sein dürfte, was junge Musiker an Weltklasse-Streichquartettkultur bieten und ihr neue Facetten hinzufügen können.

Das Minetti Quartett (Maria Ehmer, Anna Knopp, Violinen, Milan Milojicic, Viola, und Leonhard Roczek, Violoncello) bot von den ersten Takten von Haydns Streichquartett F-Dur op. 50/5 an eine Interpretationskultur, die einerseits höchsten Ansprüchen genügte, anderseits eine wundervoll individuelle Note aufwies.

Weich und schwebend

Der Klang wirkt wie vom Himmel geholt, hat weiche, fast zärtliche Patina. Die Textur der Haydn'schen Musik scheint immer leicht zu schweben, auf weichem Untergrund getragen. Dabei ist das aber kein einfach weichgezeichneter Klang, mehr ein fast traumverlorenes Abrufen der Musik des Komponisten. Und gleichzeitig wirkt die Interpretation hellwach, jugendlich frisch, sehr aufmerksam und federnd virtuos.

In allen Sätzen wirken Läufe wie Himmelsleitern, jede Begleitfigur ist äusserst liebevoll zugespielt, und die Gespräche der vier Quartettmitglieder wirken so geistvoll wie taufrisch. Kurz: Dieses junge Minetti Quartett spielt nicht einfach nach gängigen Weltklassekriterien, sondern lebt einen Klang aus, den man als unverwechselbar betiteln möchte.

Auch in den letzten beiden Sätzen dieses Haydns: Ein unentwegtes streicherisches Jauchzen, ein lustvolles Fliessenlassen, Beleuchten und Bestrahlen musikalischer Schönheiten. Für den Zuhörer wirkt diese Interpretation kristallklar, interessant und weckt gleichzeitig viel Emotionen.

Eine selten so gehörte Homogenität bewies das Quartett auch mit dem zweiten Streichquartett op. 56 von Karol Szymanowski, dem Höhepunkt des Konzerts. Dieser polnische Musiker ist nach wie vor ein Geheimtip. In seinem Streichquartett erweist er sich als ein äusserst eigenständiger Tonsetzer mit enormem Tiefgang.

Melancholisch gefärbt

Mit absolut stimmiger gemeinsamer Klangphilosophie gelingt den Minettis hier ein atmosphärisch dichter Sordino-Kopfsatz, in dem Szymanowski sein impressionistisches Können in schwebend-melancholischer Färbung auslebt. Fast an Bartók erinnert der zweite Satz, und tröstlich ist die Balance zwischen aufgeregt und beruhigt im Schlusssatz.

Mit seinem betörenden Können ist für die Minettis auch Mendelssohns letztes Streichquartett ein interpretatorischer Prüfstein, den die vier auf unglaublich packende Weise meistern.

Zurück