Kritik vom Konzert in Balingen (25.11.2012)

23.01.2013-13:00

Schwarzwälder Bote: Akkordschläge und dramatische Triolenläufe begeistern (27.11.2012)

Akkordschläge und dramatische Triolenläufe begeistern

Schwarzwälder-Bote, 27.11.2012

Von Friedrich Dold

Balingen. Die Macher der "Balinger Konzerte" haben einen guten Riecher. Der Ruf des Minetti-Streichquartetts hat am Sonntag ungewöhnlich viele Zuhörer in die Stadthalle gelockt. Und tatsächlich: Die jungen Österreicher sorgten mit Haydn, Mendelssohn und Dvorák für einen beglückenden Konzertabend.

Sie wollten einfach nur spielen, die 20-jährigen Wiener Musikstudenten, die sich vor etwa zehn Jahren zusammenfanden und spontan ein Quartett gründeten: die beiden Geigerinnen Maria Ehmer und Anna Knopp aus dem oberösterreichischen Ohlsdorf und der Cellist Leonhard Roczek aus Salzburg.

Seit einem Jahr spielt der fabelhafte Bratschist Milan Milojicic mit; er stammt aus Serbien. Inzwischen bereisen sie die ganze Welt und gelten als Aufsteiger der Quartett-Szene. Haydns "Kaiserquartett" zeigte Stil und Können der Minettis in schönstem Licht. Homogener Gesamtklang und lupenreine Intonation – das schaffen heute die meisten Quartette. Aber wenige bieten Haydn so selbstverständlich und natürlich, so gelöst und sprechend.

Schlicht und ausdrucksvoll gelang der Satz mit der Kaiserhymne, federnd und kultiviert rustikal das Menuett. Und auch im Finale forcierten sie weder Dynamik noch Tempo. Dabei blieben sie aber dem verblüffenden Beginn mit Akkordschlägen und dramatischen Triolenläufen nichts schuldig und fanden ihr Vergnügen darin, wie Haydn mit der selbst geschaffenen Tradition hintergründig spielt und experimentiert.

Die traditionelle Form sprengt auch Mendelssohn Bartholdy mit seinem Opus 80, aber aus anderen Gründen. Erschüttert vom Tod seiner Schwester Fanny und nur wenige Monate vor seinem eigenen Ende, schreibt er ein Werk voller Unruhe und Auflehnung, in dem jede Melodie zerbröckelt und jede Ruhepause fahl und trostlos wird.

Es sind rabiatere Interpretationen denkbar als die des Minetti-Quartetts, aber keine, die Mendelssohn hätte gerechter werden können: Emotionen ja, aber formal gebändigt, auch wenn es schwer fällt. Das war am Totensonntag ein würdiges "Requiem für Fanny".

Nach einem anstrengenden Jahr als Konservatoriumsdirektor in New York gab es für Dvorák entspannten Urlaub im sonnigen Iowa, und in wenigen Tagen brachte er sein "Quartett Opus 96" zu Papier. Und wie immer bei Dvoráks amerikanischen Werken: Die folkloristisch anmutenden Themen haben mindestens genauso viel Böhmisches wie Amerikanisches an sich. Denn so gut er es hatte in den USA: Das Heimweh plagte ihn immer. Das lässt sich aus dem schmerzlich schönen Lento ebenso heraushören wie aus den heiteren, fast swingenden Ecksätzen. Und wenn man bei der Darstellung übertreibt, wird man schnell vulgär und verwechselt Schmelz mit Schmalz. Für das Minetti-Quartett war das keine Gefahr. Auch hier verbanden sie in idealer Weise Tonschönheit und jugendliche Frische mit Ausdruckstiefe.

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