Kritik vom Konzert in Bad Säckingen (17.03.2013)

23.03.2013-23:32

 

Kammermusik in Perfektion

 

Kammermusik in Perfektion

19.03.2013
Von Jürgen Scharf 

Sie nennen sich nach einem Theaterstück von Thomas Bernhard, der den großen alten deutschen Charakterdarsteller Bernhard Minetti granteln und räsonieren lässt. Auf der Kursaal-Bühne spiegelt sich der Name des österreichischen Minetti Quartetts jedoch nicht in theatralischem Spiel oder großer Geste. Die vier jungen Musiker, die sich für eine Ehe zu viert entschieden haben, lassen Pathos außen vor und überzeugen mit höchst differenziertem Spiel.

Beim Abschlusskonzert der Säckinger Kammermusik-Abende – es war dieses Jahr eine kurze Saison – gelingt ihnen ein Beethoven mit starken Charakterisierungen. Ihre Lesart ist interessant: ohne ins Extrem getriebene Kontraste, keine scharfe Artikulation, kein harter Zugriff oder schürfender Tiefgang. Dafür ein nicht minder aufregender Beethoven, voller Intensität, mit rhythmischen Akzenten, homogen, schlank und schlackenrein, jugendlich mit Esprit. Im Wechsel zwischen Spannung und Sensibilität stellte sich das dritte Rasumowsky-Quartett op.59 dar. Das war hörenswert. Geradezu bezaubernd leicht und tänzerisch kam das Andante daher.

Wie zuvor schon im Andantino in Debussys Streichquartett fällt die erste Geige durch einen energischen Bogenstrich und individuellen Ton auf. Und da das Niveau der vier Musiker, Maria Ehmer und Anna Knopp (Violinen), des Bratschers Milan Milojicic und des Cellisten Leonhard Roczek gleichwertig ist, vermag die zweite Geige das fortzuführen, was die erste Geige begann. Leider gab es nach dem ersten Satz bei Beethoven einen Unterbruch, bis ein störendes brummendes Saalgeräusch abgestellt war.

In Debussys einzigem Streichquartett, mit dem der Komponist von der klassischen Konstruktivität abrückt, müssen die Spieler das Klima und die Atmosphäre der Musik treffen. Das gelingt den Minettis dank ihrer ausgereiften Klangkultur wie aus einem Guss. Sie setzen die französischen Spieltugenden Klarheit und Eleganz äußerst transparent und differenziert in Dynamik und Tonqualität um, kaum „impressionistisch“, mit Veränderungen der Klangfarben bis zu irisierendem Schillern. Sehr stimmungsvoll!

Eingestiegen ist diese Spitzen-Formation, die auf dem internationalen Kammermusikparkett seit zehn Jahren durch solche fein ausbalancierten Wiedergaben aufhorchen lässt, mit Schuberts nachgelassenem, zu Herzen gehendem Quartettsatz c-Moll, bei dem schon die ersten paar Töne genügen, um zu hören, warum die Minettis zu den Rising Stars der Quartettszene gehören. Emotional verabschiedet haben sich die sympathischen Künstler mit dem sogenannten „Langsamen Satz“, einem wundervollen, selten aufgeführten Frühwerk ohne Opuszahl aus der hochromantischen Phase von Anton Webern. Das Sahnehäubchen auf dem Konzertprogramm.

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