"Klagende Kantilenen und knallende Pizzicati" - Kritik vom Konzert in Aalen vom 04.04.2014

07.04.2014-14:08

 

Klagende Kantilenen und knallende Pizzicati (Aalener Nachrichten)

 

Klagende Kantilenen und knallende Pizzicati

„Minetti trifft Artemis“ begeistert zahlreiche Musikfreunde in der Stadthalle
 
(Foto: Foto: Thomas Siedler)

Von Johannes Müller

Aalen / sz Gewagt moderne und bewährte alte Musik hat ein zahlreiches Publikum am vergangenen Freitag in die Stadthalle gelockt. Dem Konzertring Aalen mit seiner Geschäftsführerin Elisabeth Weinrich ist es gelungen, unter dem Motto „Minetti trifft Artemis“ ein Spitzenensemble der Kammermusik nach Aalen zu holen. Das kontrastreiche Programm löste begeisterte Bravorufe aus.

Das „Minetti-Quartett“ aus Österreich, gerade von erfolgreicher USA-Tournee zurück, wurde dort als „Rising Stars“ gefeiert. Maria Ehmer und Anna Knopp, erste und zweite Violine, sowie Milan Milojicic, Viola, und Leonhard Roczek, galten schon zuvor als „junge Senkrechtstarter“ in europäischen Konzertsälen.

Mit dem ungewöhnlichen Streichquartett „Officium breve“ hatten sich die jungen Musiker ein extrem schwieriges Werk herausgesucht. Aber gerade daran läßt sich Spitzenqualität unter Beweis stellen. Der ungarische Komponist György Kurag hat in die 15 Sätze seines kleinen Requiems auf seinen Freund Endre Szervansky nahezu alle Hürden eingebaut, die einem Streicherquartett nicht nur exzellentes technisches Können, sondern auch konzentriertestes Zusammenspiel abverlangen.

Da wechseln klagende Kantilenen mit knallenden Pizzicati ab, da unterbrechen aggressive Geigeneinsätze die ruhig fließenden Largo-Linien und da verlangt bei so vielen unterschiedlichen Sätzen in sehr kurzen Abständen neue Anpassung an veränderte Stilistik. Dabei ist auch noch eine Hommage an Anton Webern, die Momentaufnahme eines Umkehrkanons in nur fünf Takten, integriert. Reibende Töne im Sekundschritt erfordern ein Höchstmaß an reiner Intonation. Wie sehr das kundige Publikum die faszinierende Interpretation zu schätzen weiß, zeigte der impulsive Beifall.

Nach dem bisweilen doch recht spröden Kurtag belohnt ein beschwingt tänzerischer Mozart die Harmoniebedürftigkeit der Musikfreunde. Nun wird das Quartett zum Quintett erweitert, weil sich die Minetti-Leute für ihr aktuelles Programm mit Friedemann Weigle, Mitglied im legendären Artemis-Quartett, zusammengetan haben. Mit diesem Streichquintett g-moll (KV 516) hat Mozart nach vielen Jahren wieder die Besetzung zwei Geigen, zwei Bratschen und Cello aufgenommen.

In dieser erweiterten Klangfülle kamen nahezu alle Elemente von verhaltener Empfindsamkeit über schelmische Einwürfe bis zu überschwänglicher Tanzfreude zur Geltung. Die fünf jungen Musiker brachten dies auch in dynamisch differenzierter Darstellung und feinem dialogischen Wechselspiel wunderbar zum Ausdruck. Besonders gefiel das feine, einprägsame Adagio im dritten Satz.

Das sehr engagierte, mitreißende Spiel von Maria Ehmer an der ersten Geige bestimmte zwar das ganze Konzert, machte sich aber im letzten Werk, dem auf einem USA-Urlaub 1893 komponierten dritten Streichquintett Es-Dur von Antonin Dvorak, am vorteilhaftesten bemerkbar. Mit einem frühlingshaft lieblichen Allegro beginnend folgten in den weiteren Sätzen die deutlich hervortretenden amerikanischen Volksweisen und Spirituals, oft auf indianischen oder irischen Einflüssen wurzelnd. Das packende Finale mit seinen wirbelnden Rhythmen erklang nochmals als Dreingabe nach langem begeistertem Beifall.

Das Konzert wurde von SWR 2 aufgezeichnet und ist am Montag, 28. April, um 20.03 Uhr zu hören.

(Erschienen: 07.04.2014 11:20)

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