"In lichte Klangwelten versetzt"

06.09.2016-18:44

 

In lichte Klangwelten versetzt

Selten verzaubert ein Kammermusikensemble das Publikum mit einer solchen Leichtigkeit und Eleganz, einem solch bezwingenden Ausdrucksreichtum und einer harmonischen klanglichen Balance.

Zum Auftakt der Traunsteiner Sommerkonzerte 2016, die dieses Jahr ganz im Zeichen türkischer Nationalmusik des 20. Jahrhunderts stehen, spielte das österreichische Minetti-Quartett im Kunstraum der Klosterkirche zwei Klassiker der Gattung von Haydn und Beethoven sowie ein Klavierquintett von Ulvi Cemal Erkin.

Haydns Streichquartett in B-Dur op. 76/ 4, das sogenannte „Sonnenaufgangsquartett“, strahlte in der Interpretation durch das Minetti-Quartett eine mitreißende Beschwingtheit und Lebensfreude aus. Maria Ehmer und Anna Knopp (Violine), Milan Milojicic (Viola) und Leonhard Roczek (Violoncello) gelang es meisterhaft, gleich im Allegro con spirito die Hörer in lichte Klangwelten zu versetzen. Die weitgeschwungenen Melodielinien spielte Maria Ehmer mit einer wundervollen Gesanglichkeit und jubilierenden Klarheit, die zu Herzen ging. Der Kontrast zwischen klanglicher Ruhe und bewegten Tutti-Passagen verlieh dem Satz eine besondere Dynamik und einen unverwechselbaren Ton.

Eine hörbare Ruhe verströmte das getragene, meditativ anmutende Adagio, in dem der intime Dialog zwischen Violine und Cello gefangen nahm. Das anschließende Menuett mit seiner volksliedhaft klingenden Trio-Melodie wurde abgelöst von einem immer wilder wirbelnden, den Atem nehmenden Finalsatz, nach dem tosender Beifall einsetzte und laute Bravorufe ertönten.

Das Klavierquintett des Türken Ulvi Cemal Erkin bildete zu Haydn einen aufwühlenden Gegensatz. Das im Jahre 1943 komponierte viersätzige Werk besticht durch raffinierte klangliche Effekte und eindringliche monotone Rhythmik. Erkin, der Lehrer für Klavier und Harmonielehre an der Musikschule in Ankara war, war in diesem Werk anscheinend stark von Schönberg und Bartók beeinflusst gewesen.

Das mal elegisch melodiöse, dann wieder nervös flirrende Moderato spielte das Minetti-Quartett mit hoher technischer Brillanz und großem Formbewusstsein. Dem von Özgür Aydin gespielten, träumerischen Murmeln des Klaviers und dem Klagegesang der Streicher standen im Ritmico e energico lebhaft gehetzte monotone Rhythmen gegenüber, die Aydin kraftvoll mit düsteren Akkorden begleitete. Ruhig und klar klang das Zwiegespräch zwischen Cello und Klavier im Adagio mesto, während die vier Musiker das gedrängte Allegro vivo mit gleichsam kontrollierter Leidenschaft und einer faszinierenden Dynamik zu Gehör brachten.

Nach so viel effektvollen Kontrasten wirkte Beethovens Es-Dur Streichquartett op. 127 fast leicht und gelöst. Das Minetti-Quartett versprühte in diesem Werk eine spielerische Leichtigkeit, die jede Schwere vermissen ließ. Bis zum letzten Ton wurde man von der melodischen Helligkeit, aber auch den getragenen, oft zu schweben scheinenden Lyrismen der Komposition in höhere Sphären gehoben. Abgeklärt und überirdisch klang der weit ausgreifende Variationensatz mit seinen Ruhepunkten, seinen rhythmischen Bewegungen und ausgelassen tänzerischen Elementen. Das Minetti-Quartett zeigte auch hier eine überragende, fein ausbalancierte Klangkultur.

Immer neue Kombinationen, Färbungen und Umkehrungen kennzeichneten das Scherzo, in dem Bratsche und Cello geheimnisvoll geisterhafte Soli zum Erklingen brachten. Nach dem bisweilen derben, volkstümlich rhythmischen Finale mit seinen aufeinanderprallenden Stimmführungen und dem fast wienerisch gemütlich klingenden, figurativ umspielten Hauptthema bedankte sich das Publikum beim Minetti-Quartett für den bravourösen Konzertabend mit nicht enden wollendem Beifall.

Oberbayerisches Volksblatt

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