"Eine Klasse für sich" - Kritik vom Konzert im Festspielhaus Baden Baden vom 20.10.2013

28.11.2013-11:20

Eine Klasse für sich (Pamina, 26.10.2013)


Eine Klasse für sich


Minetti Quartett und Till Fellner begeisterten im Festspielhaus Baden-Baden

Von Christine Gehringer

Nein, das ist sicher keine Disziplinlosigkeit, keine Unkenntnis. Im Festspielhaus Baden-Baden kann das Publikum nach dem Kopfsatz von Dvoraks A-Dur-Quintett (op. 81) den Beifall nicht zurückhalten - doch das hat nichts mit jenem Zwischenapplaus zu tun, mit dem in Baden-Baden schon ganze Sinfonien oder Konzerte regelrecht zerklatscht worden sind.
Es ist ein spontanes Bedürfnis eines begeisterten Publikums - und für den Rest des Konzerts herrscht nur noch konzentrierte Stille.

Schon 2009 hatte das junge österreichische Ensemble in Baden-Baden begeistert; damals gehörten sie zu den "Rising Stars" der European Concert Hall Organisation. Im Festspielhaus Baden-Baden entschloss man sich - auch auf Wunsch vieler Besucher - die vier Musiker nochmals einzuladen; hinzu gesellte sich nun der Pianist Till Fellner, ein Schüler Alfred Brendels.

Hauptwerk in diesem Konzert ist das Klavierquintett A-Dur op. 81 von Antonin Dvorak, bestechend in seinem Reichtum an Melodien, Farben und Stimmungen. Doch zu diesem Zeitpunkt haben Maria Ehmer, Anna Knopp (Violinen), Milan Milojicic (Viola) und Leonhard Roczek (Violoncello) bereits mit einem Fragment von Franz Schubert - dem Quartettsatz c-moll - ein deutliches Zeichen gesetzt.
Diese Musik lebt von extremen Kontrasten: von weltvergessenen Melodien und düsterer Unruhe. Es ist wunderbar zu hören, wie sehr das Minetti Quartett mit ihren direkt durchlebten Erschütterungen und Ruheströmen das Publikum mitten ins Geschehen hineinnimmt. Weicher Atemfluss, schönster Gesang und abweisende Kälte liegen hier dicht beieinander.

Anschließend widmet sich Till Fellner der Sonate D-Dur (Hob: XVI:37) von Joseph Haydn; das "con brio" im ersten Satz überspitzt er allerdings regelrecht: Zwar strotzt die Musik vor Kraft, Schwung und Energie. Doch Satz und Themen jagen atemlos und hektisch am Hörer vorbei; ein bisschen wirkt es so, als verstünde man nicht so richtig, was der Gesprächspartner einem mitteilen möchte, weil dieser ständig nach Luft schnappt. Dagegen spielt Fellner das Largo des zweiten Satzes geradezu weihevoll aus.

Dvoraks A-Dur-Quintett, das nun alle fünf Künstler vereinigt, ist schließlich eine Offenbarung. Es beginnt mit einem sacht bewegten Akkord im Klavier, das Cello (wunderbar kantabel: Leonhard Roczek) fließt förmlich darüber, entwickelt sich entlang des Klaviers, bis die drei anderen Streicher urplötzlich mit einem harten Schnitt für den Umbruch sorgen. Nun tritt die Bratsche hervor, und Milan Milojicic scheint jede Note seiner wehmütigen Weise zu genießen. Das tut er übrigens auch im zweiten Satz, den Dvorak der "Dumka" (einem slawischen Volkstanz) gewidmet hat. So sehr geht der junge Musiker hier in seiner Melodie auf, dass man sich kopfschüttlend fragt, weshalb über die Bratscher eigentlich soviel gespottet wird.

Maria Ehmer setzt als Primaria immer wieder Akzente mit einem silbrigen, straff gezogenen, manchmal vibratolosen Ton, darunter glitzert das Klavier: Selten hat man ein solch farbiges und legatogesättigtes Ensemble-Spiel gehört. Der Furiant, ein weiterer Tanzsatz, bringt aufpeitschende Rhythmen und süffige Melodien, und im Schlussatz steigern sich die Musiker nochmals; sie drängen, bäumen sich auf, und wie zur Ermahnung tritt das Klavier mit seinen ruhigen Gedanken immer wieder an die Oberfläche.
Über eine Stunde haben die Besucher hier Ensemble-Kunst von Feinsten erlebt. Das Minetti Quartett bleibt eine Klasse für sich.

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