Das „Minetti Quartett“ spielt überragend – und anspruchsvoll.

14.06.2016-13:52

 

Kalte Ente zur schwergewichtigen Musik

Musikgenuss in stimmungsvollem Ambiente: Das „Minetti Quartett“ spielt überragend – und anspruchsvoll.

Von Gerhard Dietel, MZ

Das Minetti Quartett Foto: Zandel


REGENSBURG. Sommerzeit ist in Regensburg seit Jahrzehnten auch Serenaden-Zeit. Bei der Konzertreihe lässt sich Musikgenuss im stimmungsvollen Ambiente der nächtlichen Minoritenkirche mit dem Lustwandeln im Kreuzgarten während der Pause verbinden, ein Glas „Kalte Ente“ in der Hand. Die entspannte Stimmung dort steht diesmal ein wenig im Kontrast zur erklingenden Musik. Schwergewichtiges und Anspruchsvolles präsentiert das junge, überragend spielende österreichische „Minetti Quartett“ mit Maria Ehmer und Anna Knopp (Violinen), Milan Milojicic (Viola) und Leonhard Roczek (Violoncello) den Hörern. Einen leichteren Serenadenton entwickelt in der ganz auf die Musikstadt Wien konzentrierten Werkfolge allenfalls das Eröffnungsstück.

Dämmerung herrscht noch, als sich über ruhigem Liegeklang der tieferen Streicher die erste Violine wie ein Vogel in die Lüfte emporschwingt. Dieser originelle Werkbeginn hat Haydns op. 76/4 den Beinamen „Sonnenaufgangsquartett“ eingebracht. Wie eine langsame Einleitung wirken die ersten Takte und sind doch schon „Allegro con spirito“, was die vier Interpreten in der markant rhythmischen Fortsetzung schnell klarmachen. Dieses „con spirito“ wird zum Motto der gesamten Interpretation und dehnt sich auf das „Adagio“ mit seiner spannungsvollen Ruhe wie auf das eher schon scherzohafte „Menuetto“ und das Finale aus, wo die erste Geige geradezu übermütige Juchzer ins Thema einflicht.

Das Quartett formt schroffe Gegensätze zur höheren Einheit

Dämmerung herrscht wieder: In Alban Bergs Streichquartett op. 3, doch diesmal, im Wien des Jahres 1910, im Hinblick auf eine ungewisse Zukunft. Schwelgerisch romantische Erinnerungen tauchen auf und entschwinden, exaltierte und eruptive Gesten finden keinen Weg ins Freie und fallen in einen brütenden Zustand des Abwartens zurück. Die schönen Klänge werden spröde, die Töne der Instrumente entmaterialisieren sich oft ins Flüsternde oder Heisere, während sich unter diesen zerbrechlichen Klängen gleichsam der Boden aufzutun scheint: die Ahnung kommenden Unheils ist mit Händen zu greifen.

Verbindlicher in der Musiksprache, doch nicht weniger anspruchsvoll ist Beethovens Es-Dur-Quartett op. 127. Wie man schroffe Gegensätze zur höheren Einheit formt, zeigt das Minetti-Quartett exemplarisch, wenn es im Kopfsatz zwischen fast skulpturhaften „Maestoso“-Takten und leichtem Melodiefluss wechselt oder die bizarren Takt- und Stimmungswechsel des Scherzos zur plausiblen Synthese bringt. Aus der Entrückung holt nicht nur Beethovens eher idyllisch-humoristisches Finale das Publikum zurück, sondern auch die Zugabe: das effektvolle, von Witz funkelnde „Assez vif“ aus Debussys g-Moll-Quartett.

Gerhard Dietel


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